Menschen, den Göttern ähnlich
Das götterähnliche Menschengeschlecht
Als Nestor, welcher zwei Menschenalter durchlebt hatte und nun schon im dritten über Pylos herrschte, in der Belagerung von Troja den Streit des Achilles und Agamemnon zu schlichten suchte, so leitete er seine Rede mit der Erinnerung ein, daß er mit stärkern Männern gelebt habe, als das jetzige Zeitalter sie hervorbringe; mit einem Cäneus, Dryas, Pirithous und Theseus, mit denen niemand von den jetzigen Menschen es wagen würde, sich in einen Wettkampf einzulassen, – und daß diese dennoch ihn gehört und seinen Rat befolgt hätten. Achilles und Agamemnon möchten dieserwegen ein Gleiches tun.
So schildert Nestor die Helden vor dem Trojanischen Kriege, und der Dichter der Iliade selber schildert wiederum die Helden im Trojanischen Kriege, wie sie die Menschen seiner Zeit an Stärke übertrafen.
Hektor, sagt er, ergriff einen Stein, den zwei der stärksten Männer zu unsern Zeiten nur mit Mühe vom Boden auf den Wagen zu heben vermochten; den schleuderte Hektor mit leichter Mühe gegen das Tor der griechischen Mauer, daß mit einem Male die Türen aus ihren Angeln sprangen.
Die Menschen, welche zuerst vom Prometheus aus Ton gebildet, den herrschenden Göttern verhaßt, des Feuers beraubt, durch mehrere Überschwemmungen bis auf wenige vertilgt wurden und, da sich dennoch ihr Geschlecht fortpflanzte, Jahrhunderte hindurch in dumpfer Betäubung gleich den Tieren des Feldes lebten, arbeiteten sich allmählich aus diesem dumpfen Zustande durch eigene Anstrengung heraus und wurden durch edles Selbstbewußtsein und durch die Anwendung ihrer inwohnenden Kräfte den unsterblichen Göttern ähnlich.
Die Menschheit lernte in den götterähnlichen Helden, die aus ihr entstammten, sich selber schätzen und ihren eigenen Wert verehren. Auch wurde nun die Gottheit gleichsam den Menschen wieder versöhnt. Die Götter nahmen an den Begebenheiten und Schicksalen der Menschen immer nähern Anteil. Das Göttliche und Menschliche rückte in der Einbildungskraft immer näher zusammen, bis endlich in dem Kriege vor Troja sich die Götter sogar in das Treffen der Menschen mit einließen und von Sterblichen verwundet wurden.
Keine Benennung kommt daher auch häufiger in der Dichtersprache der Alten vor als die des Götterähnlichen oder des Göttergleichen, womit die Helden der Vorzeit gerühmt und der Adel der Menschheit gepriesen wird.
Perseus, Kadmus, Herkules, Theseus, Iason sind die berühmtesten Heldennamen. Die Geschichte des Perseus hüllt sich am meisten in dunkle Fabeln ein und tritt am weitesten in das entfernte Altertum der Heldenzeit zurück.
Um des Perseus irdische Abstammung zu verfolgen, steigen wir wieder bis zum alten Inachus hinauf, mit dessen Tochter Io Jupiter in Ägypten den Epaphus erzeugte. Die königliche Tochter des Epaphus, Libya, gebar von Neptuns Umarmung den Belus und Agenor. Belos erzeugte den Danaus und Ägyptus.
Danaus schiffte nach Griechenland, um seine Ansprüche auf das von seinem Ahnherrn Inachus ihm angestammte Königreich Argos gegen den Gelanor, der damals diese Gegend beherrschte, zu behaupten.
Das Volk sollte den Ausspruch tun, und während es noch unschlüssig war, fiel ein Wolf in eine Herde von Kühen und besiegte den Stier, der sie verteidigte.
Diese unvermutete Erscheinung nahm man von den Göttern als ein Zeichen an, daß der Fremde und nicht der Einheimische herrschen solle; man schrieb dies Zeichen dem wahrsagenden Apollo zu, welchem Danaus wegen der Sendung des Wolfes unter dem Namen des Lycischen Apollo einen Tempel erbaute.
Danaus lehrte die Argiver Brunnen graben und größere und bequemere Schiffe bauen. Nach der alten Sage hatte er funfzig Töchter so wie sein Bruder Ägyptus funfzig Söhne.
Die funfzig Söhne des Ägyptus kamen nach Griechenland, um mit den Töchtern des Danaus sich zu vermählen. Dem Danaus aber war geweissagt worden, daß einer seiner Tochtermänner ihn der Herrschaft entsetzen würde.
Die alten Könige fürchteten wie die alten Götter ihre eigenen Kinder und Nachkommen. – Danaus befahl seinen Töchtern, die sich mit den Söhnen des Ägyptus vermählten, ihre Männer in der ersten Nacht zu ermorden, welches sie taten, bis auf die Hypermnestra, die mit ihrer eigenen Gefahr den Lynceus, ihren geliebten Gatten, entfliehen ließ.
›Eine‹, sagt ein Dichter aus dem Altertum, ›eine unter vielen, ihres geliebten Jünglings wert, hinterging mit glorreicher List des Vaters Grausamkeit, und ewig glänzt ihr Ruhm.‹
»Steh auf«, rief sie dem schlummernden Gatten zu, »damit nicht, ehe du es vermutest, ewiger Schlaf dich drücke! Fliehe meinen Vater und meine blutdürstigen Schwestern, die ihre Männer wie junge Löwenbrut zerreißen.
Mein Herz ist aus weicherm Stoff. Dich töten kann ich nicht und werde dich nicht in diesen Mauern gefangenhalten. Mag mein Vater mich mit schweren Ketten belasten, weil ich mitleidsvoll des Gatten schonte, oder mag er mich in die ödeste Wüste verjagen!
Geh, wohin dich Füße und Winde tragen, solange Venus und die Nacht dich schützt; geh unter glücklichen Zeichen! und ätze, meiner eingedenk, dereinst auf meinen Grabstein deine Klag' um mich!«
Lynceus entfloh, aber er kehrte wieder; denn Danaus wurde mit seiner Tochter ausgesöhnt, und von dem treuen Paare Lynceus und Hypermnestra stammten Perseus und Herkules, die göttergleichen Helden ab. Die grausame Tat der übrigen Töchter des Danaus blieb nicht unbestraft; sie mußten noch in der Unterwelt für ihren Frevel büßen.
Abas, ein Sohn des Lynceus, herrschte nach seines Vaters Tode über Argos und hinterließ zwei Söhne, den Prötus und Akrisius, die sich zu verschiedenen Zeiten einander die Oberherrschaft streitig machten. Perseus war des Akrisius Enkel.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
Siehe auch Bellerophon, Kastor und Pollux und die Argonauten, Meleager, Atalante und die Kalydonische Jagd; Minos und Dädalus
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