Esoterik - Okkultismus  

Des Herkules, Vergehen, Vermählungen und Schwächen















Herkules

Vermählungen des Herkules, seine Vergehungen und Schwächen



Die Vermählungen des Herkules und seine Vergehungen und Schwächen
Dies sind nun außer den zwölf Arbeiten des Herkules seine vorzüglichsten Taten. Die Dichtungen schreiben ihm noch viel mehrere zu, weil alles, wozu Standhaftigkeit, Heldenmut und Stärke gehörte, sich gerne an diesen Namen knüpfte, der einmal alles Göttliche in sich faßte, was durch die Körperkraft sich offenbart.

Wenn aber bei irgendeiner Götter- oder Heldengestalt der Begriff der Macht und Stärke über alles andre überwiegend ist, so ist dies beim Herkules der Fall, der gleichsam die aus ihrem ersten Schlummer erwachte Menschheit im Gefühl ihrer ganzen Kraft, ohne müßiges Denken in sich abbildet, immer rastlos irgendein Ziel verfolgend, unbekümmert, was um ihn her steht oder fällt. – Der Begriff von einem Helden war in der Vorstellungsart der Alten mit dem Begriff von einem Weisen gemeiniglich nicht verknüpft. Selbst beim Ulysses geht die Weisheit in Verschlagenheit über, und bei dem weisen Nestor ist durch das Alter die Heldenkraft schon gelähmt. Bei den Helden findet sich immer viel Licht und Schatten, und Herkules selbst muß noch mit manchen Schwächen für seine Heldenstärke büßen. – In seinen Vermählungen und in seinen Ausschweifungen in der Liebe fand Herkules sein Unglück und zuletzt einen qualenvollen Tod, welcher demohngeachtet der Übergang zur Unsterblichkeit für ihn war.

Zuerst vermählte Kreon, Thebens Fürst, ihm seine Tochter Megara, zur Dankbarkeit für einen wichtigen Dienst, den Herkules ihm geleistet, welcher durch seine Tapferkeit die Stadt von einem lästigen Tribut befreite, den sie den Orchomeniern zahlen mußten.

Nachdem er nun acht Kinder mit der Megara erzeugt hatte, versetzte Juno ihn in eine rasende Wut, worin er Mutter und Kinder erschlug, deren abgeschiedenen Seelen man nachher in Theben jährlich Totenopfer brachte. Um diese schreckliche, obgleich unverschuldete Tat zu büßen, unterzog sich Herkules desto freiwilliger den Arbeiten, die ihm Eurystheus anbefahl, bis, nahe an der Vollendung seiner Taten, eine neue Liebe ihn fesselte und er sich, ohngeachtet des tragischen Ausganges seiner ersten Ehe, zum zweitenmal vermählte.

Er kam nämlich auf einem seiner Züge nach Kalydon zum König Öneus und sahe dessen schöne Tochter Deianira, welche dem Flußgott Achelous schon verlobt war. Mit diesem ließ sich Herkules in einen Zweikampf ein, und da er ihn überwunden hatte, war Deianira der Preis des Sieges. Als nun Herkules auf seiner Reise mit der Deianira an den Fluß Evenus kam, an dessen Gestade der Centaur Nessus seine Wohnung hatte, so trug er diesem auf, die Deianira auf seinem Rücken durch den Strom zu tragen.



Nessus wollte diese Gelegenheit nutzen, um die Vermählte des Herkules zu entführen; als diese aber um Hilfe schrie, spannte Herkules schnell den Bogen und durchschoß den Centaur mit einem in das Blut der Lernäischen Schlange getauchten Pfeil. Nessus gab sterbend der Deianira eine Handvoll von seinem Blute als ein kostbares Geschenk in einer Flasche und verhieß ihr, daß sie durch dies Mittel auf immer des Herkules Zuneigung sich versichern und jede fremde Liebe aus seiner Brust verscheuchen könne, wenn sie dereinst ein dicht am Leibe anliegendes Gewand mit diesem Blute bestriche und es dem Herkules, um es anzulegen, schickte.

Herkules, der nun wieder auf Taten ausging, entfernte sich von Zeit zu Zeit von der Deianira. Einst blieb er lange, ohne daß Deianira etwas von ihm vernahm. Ihn fesselte eine neue Liebe, die ihn mehr als alle seine überstandenen Gefahren darniederbeugte, weil sie ihn zu einer ungerechten Tat verleitete. Als Herkules nämlich auf einem seiner letzten Züge nach Euböa kam, erblickte er Iolen, die Tochter des Eurytus, der über Öchalien herrschte. Er ward von Iolens Reizen schnell besiegt und warb um sie bei ihrem Vater. Als dieser sein Verlangen abschlug, verließ er zürnend und auf Rache denkend die Wohnung seines Gastfreundes.

Und als bald darauf Iphitus, des Eurytus Sohn, beim Herkules seine entlaufenen Stuten suchte, führte ihn dieser, der selber die Stuten bei sich verbarg, auf einen Hügel und stürzte den Sohn seines Gastfreundes, ehe dieser sich's versahen vom jähen Felsen herab. Durch diese Tat befleckte Herkules seinen Ruhm und mußte auch auf den Befehl der Götter auf eine schändliche Weise dafür büßen. Er mußte sich der wollüstigen Königin Omphale in Lydien zum Sklaven verkaufen lassen und weibliche Geschäfte auf ihren Befehl verrichten.

Hier stellt die bildende Kunst Omphalen mit der Löwenhaut umgeben und mit der Keule in der Hand, den Herkules aber in Weiberkleidern am Rocken spinnend dar. Der Held, der seine Laufbahn nun vollendet hatte, mußte vor seiner Vergötterung noch das Los der Sterblichkeit empfinden und so tief von seiner Größe sinken, als hoch er gestiegen war.

Allein die bestimmte Zeit dieser Dienstbarkeit verfloß, und nun rüstete Herkules sich gegen den Eurytus, der seine Tochter Iole ihm versagt hatte. Mit stürmender Hand eroberte er die Stadt Öchalia und zerstörte sie, erschlug den Eurytus selber, nahm Iolen gefangen und schickte sie als eine Sklavin seiner eigenen Gemahlin Deianira zu.

Deianira nahm die Iole gütig auf. Als sie aber durch das Gerücht vernahm, daß ebendiese Gefangene ihre Nebenbuhlerin sei, da glaubte sie, daß es Zeit wäre, von dem Geschenk des Nessus Gebrauch zu machen, wodurch die Liebe des Herkules ihr versichert und jede fremde Zuneigung aus seiner Brust verscheucht würde. Sie nahm des toten Nessus langverwahrtes Blut und färbte damit ein köstliches Unterkleid, das sie dem Herkules durch den Lichas versiegelt entgegenschickte, mit der Bitte, es nicht eher zu tragen, als bis er sich an einem Opfertage, schön geschmückt, den Göttern damit gezeigt habe.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre

Herkules: Letze Duldung und Vergötterung



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