Herkules - Halbgott
Herkules - Sohn des Zeus
Herkules
Der erste tragische Dichter der Griechen läßt den Prometheus, der, an den Felsen geschmiedet, der unglücklichen Io seine Leiden klagt, die Geburt seines Befreiers, des Herkules, vorherverkündigen.
Io, welche, in eine Kuh verwandelt, durch Junos Eifersucht auf dem ganzen Erdkreise in rasender Wut umhergetrieben wurde, kam nämlich auch in die einsame Gegend, wo Prometheus duldete, der alle ihre Schicksale ihr enthüllte und ihr kundtat, einer ihrer Nachkommen, der dreizehnte von ihr, werde sein Erretter sein. Die dreizehn in ununterbrochener Geschlechtsfolge aber sind Io, Epaphus, Libya, Belus, Danaus, Lynceus, Abas, Akrisius, Danae, Perseus, Alcäus, Alkmene, Herkules.
Zwei der furchtbarsten Erzeugungen des Phorkys und der schönen Ceto sind schon vom Perseus und Bellerophon überwunden; allein die größten Taten sind dem Herkules aufgespart, der Ungeheuer besiegen, Tyrannen beugen und selbst der Ungerechtigkeit des Donnergottes ein Ziel setzen muß, indem er den Prometheus, der für seine den Menschen erwiesenen Wohltaten noch immer büßen mußte, endlich von seiner Qual befreit.
In die irdische Abstammung des Herkules hatten die Parzen sein künftiges Schicksal schon verwebt; zum Herrschen geboren, wurd' er durch die Macht der Fügung gezwungen, zu gehorchen und seine glorreichsten Taten auf den Befehl eines Schwächeren, der ihn fürchtete, zu vollführen. Elektryo, Sthenelus, Alcäus, Mestor waren die Söhne des Perseus. Elektryo folgte dem Perseus in der Regierung zu Mycene. Die Kinder des Alcäus waren Anaxo und Amphitryo. Mit der Anaxo vermählte sich Elektryo, der zu Mycene herrschte, und erzeugte mit ihr Alkmenen, die Mutter des Herkules.
Amphitryo, der Sohn des Alcäus, welcher wegen seiner Schwester Anaxo dem Elektryo nun doppelt verwandt war, lebte an dessen Hofe und hatte die sicherste Hoffnung, in der Regierung ihm zu folgen, weil Elektryo seine Tochter Alkmene, die nächste Erbin seines Reiches, mit dem Amphitryo zu vermählen schon fest beschlossen hatte.
Allein schon schwebte der unglückliche Zufall näher, der dem Amphitryo seine Aussichten vereitelte und in der Folge auf das Schicksal des Herkules einen dauernden Einfluß hatte. Taphius nämlich, ein Enkel des Mestor, eines Sohns des Perseus, errichtete auf der Insel Taphos eine Pflanzstadt, deren Bewohner sich wegen der weiten Entfernung von ihrem Vaterlande auch Teleboer nannten. Nach dem Tode des Taphius machte dessen Sohn und Nachfolger Pterelaus wegen seiner Abstammung vom Mestor, einem Sohne des Perseus, Ansprüche auf seinen Anteil an der Erbschaft von Mycene und schickte seine Kinder dahin, um seine Forderung geltend zu machen.
Als Elektryo sich weigerte, etwas herauszugeben, so verwüsteten die Söhne des Pterelaus mit ihrem Volke das Land und führten des Königs Herden hinweg. Die Söhne des Elektryo versammelten nun auch ein Heer und ließen sich mit den Söhnen des Pterelaus in ein Treffen ein, worin die Anführer von beiden Teilen umkamen, so daß von den Söhnen des Elektryo nur der einzige Lycimnus und von den Söhnen des Pterelaus nur der einzige Everes übrigblieb.
Elektryo, um den Tod seiner Kinder zu rächen, überließ seiner Tochter Alkmene und dem Amphitryo die Regierung mit dem Versprechen, dem Amphitryo seine Tochter zu vermählen, sobald er von den Teleboern siegreich zurückkehren würde. Er kehrte siegreich zurück und brachte auch die Herden wieder, welche die Feinde ihm geraubt hatten. Amphitryo, nun seines Glücks gewiß, eilte ihm freudenvoll entgegen; und als von der wiedereroberten Herde eine Kuh entspringen wollte, warf Amphitryo mit einer Keule nach ihr – und traf den Elektryo, welcher tot darniederfiel.
Dieser unglückliche Zufall war es, der den Amphitryo des Königreichs Mycene beraubte und zugleich zu dem künftigen Schicksal des Herkules den ersten Grund enthielt. Denn obgleich die Tat des Amphitryo unvorsätzlich war, so lud sie doch den Haß des Volks auf ihn. Sthenelus, der Bruder des erschlagenen Elektryo, bemächtigte sich daher mit leichter Mühe der Oberherrschaft über Mycene, und Amphitryo flüchtete nach Theben, wohin ihm Alkmene folgte. Kreon, der zu Theben herrschte, nahm beide in Schutz. Alkmene aber wollte sich mit dem Amphitryo nicht eher vermählen, bis er, um den Tod ihrer Brüder zu rächen, die Teleboer aufs neue bekriegt und den Pterelaus überwunden hätte.
Amphitryo trat mit dem Cephalus, Eleus und einigen andern benachbarten Fürsten in ein Bündnis, um die Inseln der Taphier oder Teleboer zu bekriegen. Pterelaus wurde besiegt, und Amphitryo schenkte die eroberten Inseln seinen Bundesgenossen, wovon die eine, welche noch itzt Cefalonia heißt, von dem Cephalus ihren Namen Cephalene erhielt. Alkmenens Reize hatten indes den Donnergott von seinem hohen Sitze herabgezogen. In der Gestalt des Amphitryo, der nun siegreich zurückkehrte, genoß er ihrer Umarmung und verlängerte zu einer dreifachen Dauer die Nacht, worin er den Herkules mit ihr erzeugte.
Unbeschadet der Ehrfurcht gegen das Göttliche und Erhabene, benutzten die komischen Dichter der Alten diesen Stoff, indem sie das lächerliche Verhältnis des wahren Amphitryo gegen den Jupiter in der Gestalt desselben auf der Schaubühne darstellten und beide darauf erscheinen ließen. Die komische Muse der Alten durfte es sich erlauben, in dergleichen kühnen Darstellungen selbst mit dem Donnergott zu scherzen, der zu den Töchtern der Sterblichen sich herabließ.
Dem Amphitryo, der auf Alkmenen zürnte, gab Jupiter endlich selber, um ihn zu besänftigen, seine Gottheit zu erkennen; und indes Alkmene nun zugleich mit dem Herkules und mit einem Sohne des wirklichen Amphitryo schwanger war und dem Sthenelus, der zu Mycene herrschte, ebenfalls ein Sohn geboren werden sollte, ging folgendes im Rate der Götter vor:
An dem Tage nämlich, an welchem Herkules geboren werden sollte, sprach Jupiter rühmend in der Versammlung der Götter: »Heute, alle ihr Götter und Göttinnen, verkündige ich euch, wird aus dem Geschlechte der Menschen, das von mir abstammt, ein Held geboren werden, der über alle seine Nachbarn herrschen wird.« Listen ersinnend, sprach die hohe Juno: »Ich zweifele dennoch an der Erfüllung deiner Worte, wenn du nicht mit dem unverletzlichen Schwur der Götter schwörst, daß derjenige, welcher heute aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt, geboren wird, über alle seine Nachbaren herrschen soll.«
Kaum hatte Jupiter den unverletzlichen Schwur getan, als Juno den Olymp verließ und schon in Argos war, wo die Vermählte des Sthenelus erst im siebenten Monate mit dem Eurystheus schwanger ging, dessen Geburt die mächtige Juno schnell beförderte, obgleich die Zahl der Monden noch nicht voll war. Alkmenens Niederkunft aber hielt sie auf und kehrte nun triumphierend zum Olymp zurück. »Nun ist schon der Held geboren«, sprach sie zum Jupiter, »der die Argiver beherrschen wird. Er ist aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt; denn es ist Eurystheus, ein Sohn des Sthenelus, dessen Vater Perseus, dein Erzeugter, war. Keinem Unwürdigen ist also das verheißne Königreich beschieden.«
Da nun Jupiter seinen Schwur nicht zurücknehmen und sich an der Juno nicht rächen konnte, so ergriff er die Ate oder die schadenstiftende Macht, welche eine Tochter des Jupiters selber mit in der Reihe der Götter war, bei ihrem glänzenden Haar und schleuderte sie vom Himmel zur Erde herunter mit dem unverbrüchlichen Schwur, daß sie nie zum Olymp zurückkehren solle; seitdem wandelt sie über den Häuptern der Menschen einher und säet, wo sie kann, Verderben und Zwietracht aus; wenn daher Streitende sich versöhnten, so schoben sie auf die Ate den Anfang des Zwistes.
Das Schicksal selber hatte dem Herkules die härtesten Prüfungen zugedacht, welche Götter und Menschen nicht hintertreiben konnten. Eurystheus war nun durch den Schwur des Jupiter zum Herrscher geboren, und durch ebendiesen Schwur gebunden, konnte Jupiter seinen geliebten Sohn von der harten Dienstbarkeit nicht befreien. Alkmene gebar zwei Söhne, den Herkules vom Jupiter und den Iphikles von ihrem Gemahl Amphitryo. Wer von beiden der Sohn des Donnergottes sei, offenbarte sich schon, da noch ein hohler Schild, den Amphitryo vom Pterelaus erbeutet hatte, die Wiege der Kinder war und Juno zwei Schlangen schickte, die den Herkules töten sollten, der sie mit seiner zarten Hand in der Wiege erdrückte.
Nun legte Jupiter, da er einst die Juno schlummernd fand, den Herkules ihr an die Brust, und dieser sog, ihr unbewußt, die Göttermilch. Als aber Juno erwachte, so schleuderte sie den kühnen Säugling weit von sich hinweg und verschüttete auf des Himmels Wölbung die Tropfen Milch, die ihrer Brust entfielen und deren Spur die Milchstraße bildete, auf welcher die Götter wandeln. – Die Dichtung wird hier kolossal; der Luftkreis selber, durch welchen die Sterne schimmern, tritt als der Juno erstes Urbild auf und färbt sich von der Milch, welche den Brüsten der hohen Himmelskönigin entströmte; jenes Urbild wurde vorausgesetzt, wenn die Dichtung den weißlichten Streif am Himmel die Milch der Juno nennt. –
Auf Jupiters Befehl mußte Merkur nun den Herkules seinen Erziehern übergeben, die ihn in den kriegerischen sowohl als in den sanften Künsten unterwiesen. Unter den Lehrern und Erziehern des Herkules waren selbst Göttersöhne; in der Musik unterwies ihn Linus, ein Sohn des Apollo; Chiron, der weise Centaur, in der Arznei- und Kräuterkunde. In den kriegerischen Künsten waren die berühmtesten Helden der damaligen Zeit in jedem besondern Fache seine Lehrer.
Da nun Herkules unter diesen Beschäftigungen zu den Jünglingsjahren gekommen war, begab er sich einst, über sein künftiges Schicksal nachdenkend, in die Einsamkeit und setzte sich, in Betrachtungen vertieft, auf einem Scheidewege nieder. Hier war es, wo die Wollust und die Tugend ihm erschienen, wovon die erstre ihm jeglichen Genuß einer frohen, sorgenfreien Jugend anbot, wenn er ihr folgen wollte, die letztre ihm zwar mühevolle Tage verkündigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unsterblichkeit verhieß, wenn er sie zur Führerin wählte.
Die Tugend siegte in diesem Wettstreit; der Jüngling folgte ihr mit sicherm Schritt, fest entschlossen, jedes Schicksal, das ihm bevorstehe, mit Mut und Standhaftigkeit zu tragen, sich keiner Last zu weigern und keine Arbeit, sei sie noch so schwer, zu scheuen. – Die Eifersucht der Juno, die nicht ruhte, hatte schon dem Amphitryo selber Furcht und Argwohn eingehaucht, der den jungen Herkules an den Hof des Eurystheus nach Mycene schickte, wo ihm von Zeit zu Zeit die gefährlichsten Unternehmungen und die ungeheuersten Arbeiten aufgetragen wurden, die seinen Mut und seine Standhaftigkeit auf die höchste Probe setzten.
Als nun Herkules auf seiner Reise das Orakel zu Delphi wegen seines künftigen Schicksals fragte, so gab die Pythia ihm zur Antwort: zwölf Arbeiten müsse er auf des Eurystheus Befehl vollenden, und wenn er diese vollendet habe, sei ihm die Unsterblichkeit bestimmt.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
Die zwölf Arbeiten des Herkules
Der Nemeische Löwe - Die Lernäische Schlange - Der Erymanthische Eber - Der Hirsch der Diana - Die Stymphaliden - Das Wehrgehenk der Amazonen - Der Stall des Augias - Der Kretensische Stier - Die Rosse des Diomedes - Der dreiköpfige Geryon - Die goldenen Äpfel der Hesperiden - Der Höllenhund Cerberus
Die Taten des Herkules, welche er nicht auf fremden Befehl vollführt hat
Von den Arbeiten des Herkules kann man seine Taten unterscheiden, welche er aus eigenem Antriebe, gleichsam in der Zwischenzeit vollführte, die ihm von den aufgegebenen Arbeiten übrigblieb und worin seine unerschöpfliche Kraft und Heldenstärke sich doppelt offenbarte:
Die Befreiung von Hesione - Die Überwindung des Antäus, Busiris und Kakus - Die Befreiung der Alceste aus der Unterwelt - Die Befreiung des Prometheus von seinen Qualen - Die Säulen des Herkules
Die Vermählungen des Herkules und seine Vergehungen und Schwächen
Herkules: Vergehen, Vermählungen, Schwächen
Des Herkules letzte Duldung und seine Vergötterung
Herkules: Letze Duldung und Vergötterung
|