Iason
Iason
Iason - Jason
Iason war aus dem Äolischen Heldenstamme entsprossen, aber kein Göttersohn; und Juno selber, welche die Söhne des Jupiter mit ihrem Haß verfolgte, nahm ihn in ihren Schutz. – Äolus, Deukalions Enkel, der in Thessalien herrschte, erzeugte den Salmoneus, Sisyphus, Athamas und Kretheus. Salmoneus wurde von Jupiters Blitz erschlagen, Sisyphus mußte in der Unterwelt für seine Macht auf Erden büßen, und Athamas starb in Raserei.
Tyro, eine Tochter des Salmoneus, gebar, ehe sie vermählt wurde, nach Neptuns Umarmung den Pelias und Neleus. Und da sie mit ihres Vaters Bruder, dem Kretheus, sich vermählte, gebar sie ihm den Äson, der seinem Vater in der Regierung folgte und welcher Iason, den göttergleichen Helden, mit der Alcimede erzeugte. Pelias aber, des Äsons Bruder von mütterlicher Seite, beraubte diesen seines Throns, ohne ihn demohngeachtet aus Iolkos zu verjagen, welches der Sitz der Könige von Thessalien war. Den Iason aber, da er kaum geboren war, suchte Pelias als einen ihm gefährlichen Sprößling von Äsons Hause aus dem Wege zu räumen.
Äson und Alcimede, welche die Absicht des Tyrannen merkten, streuten aus, daß Iason krank, und bald darauf, daß er gestorben sei, indes daß seine Mutter ihn auf den Berg Pelion zu dem weisen Chiron brachte, welcher, obgleich in ungeheurer Gestalt, halb Mensch, halb Pferd, in jeder Wissenschaft erfahren, sich in seiner einsamen Grotte der Erziehung der jungen Helden annahm und unter dessen Leitung auch Herkules seine edle Laufbahn antrat. Als Iason zu den Jünglingsjahren gekommen war und schon der männliche Mut in seiner Brust erwachte, ging er nach dem Ausspruch des Orakels, mit der Haut des Leoparden über seinen Schultern und mit zwei Lanzen bewaffnet, nach Iolkos an des Pelias Hof.
Dem Pelias aber war geweissagt, er solle vor dem sich hüten, der einst mit einem Schuh und mit dem andern Fuß entblößt vor ihm erscheinen würde. Als nun Iason auf dem Wege nach Iolkos über den Fluß Anaurus zu gehen im Begriff war, erschien ihm Juno in der Gestalt einer alten Frau und bat, sie über den Fluß zu tragen. Als Iason sie hinübertrug, blieb ihm der eine Schuh im Schlamme stecken, und nun erschien er also mit dem einen Fuße entblößt in Iolkos vor dem Palaste des Pelias, der bei seinem Anblick mit Schrecken und Bestürzung an den Ausspruch des Orakels dachte. Auf die Frage, wer er sei, forderte Iason nun vor allem Volke vom Pelias die Krone wieder, die dieser dem Äson, Iasons Vater, unrechtmäßigerweise entrissen hatte. Die Einkünfte des Reichs sollten dem Pelias dennoch bleiben, nur der Oberherrschaft solle er sich begeben!
Pelias, welcher bei diesem Antrage in die Seele des jungen Helden blickte, zweifelte nicht, ihn durch den anspornenden Reiz zu irgendeiner ruhmvollen Tat für jetzt noch zu entfernen. Er stellte sich, als sei er bereit, die Krone niederzulegen, wenn nur die Manen des Phryxus, der auch vom Äolus stammte und in dem entfernten Kolchis seinen Tod fand, erst versöhnt und das Goldne Vlies, was jener dorthin gebracht, erst wieder erbeutet wäre. Dieser Phryxus, welcher in Kolchis starb, war nämlich ein Sohn des Athamas und des Äolus Enkel. Athamas, der in Böotien herrschte, hatte mit der Nephele den Phryxus und die Helle erzeugt, nachher aber mit der Ino, des Kadmus Tochter, sich vermählt, die jene beiden Kinder des Athamas mit stiefmütterlichem Haß verfolgte und ihren Tod beschloß.
Nephele erschien ihren Kindern und entdeckte ihnen die Gefahr, worin sie schwebten, Schlachtopfer von Inos Haß zu werden, wenn sie nicht schnell die Flucht ergriffen, zu deren Beförderung schon ein Widder mit goldnem Fell bereitstand, der auf den Wink der Götter den Phryxus und die Helle über Länder und Meere auf seinem Rücken trug. Die Fahrt ging gegen Morgen nach dem entfernten Kolchis, wo Äetes, ein Sohn der Sonne, herrschte. Helle, die Schwester des Phryxus, aber sank unterwegens in die Fluten, und das Meer, wo sie untersank, wurde nach ihrem Namen der Hellespont genannt.
Phryxus langte in Kolchis beim Äetes an, wo er den Widder, der ihn trug, den Göttern zum Opfer brachte und das goldne Fell des Widders oder Goldne Vlies als ein kostbares Heiligtum in einem geweihten Haine aufhing; er selber vermählte sich mit der Tochter des Königs und starb im fremden Lande. Das Goldne Vlies in Kolchis, wovon das Gerücht erscholl, erweckte schon lange die Sehnsucht aller, die etwas Köstliches zu erstreben wünschten. Es war im fernen Osten das, was im Westen die goldnen Äpfel der Hesperiden waren; man dachte sich darunter etwas, das der größten Mühe, Anstrengung und Gefahren wert sei. So wie denn überhaupt bei den Alten das Bild vom Widder und vom hochwollichten Widderfell vorzüglich den Begriff des Reichtums in sich faßte, wodurch denn auch die Dichtung von dem Goldnen Vlies, sofern man sich darunter Reichtum und Schätze dachte, natürlich veranlaßt wurde.
Das Wunderbare aber und die weite Entfernung lockte am meisten den Mut der Helden an; und Iason hatte kaum des Pelias Wort vernommen, so war auch schon sein Mut zur rühmlichen Tat entflammt; er verpflichtete sich, das Goldne Vlies zu holen, und zu Gefährten der kühnen Unternehmung lud er Griechenlands berühmteste Helden ein.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
Anregungen / Vorschläge / Texte bitte an:
|