Mars - Kriegsgott
Mars - Vater von Romulus und Remus
Mars, ursprünglich altitalischer Bauerngott, Sonnengott und Schutzherr der Fluren. Später wurde Mars von den Römern als Nationalgott / Kriegsgott und Schützer des römischen Imperiums, sowie als Vater von Romulus und Remus verehrt, die er mit der Rhea Silvia zeugte. Seine griechischen Entsprechungen waren Apollo und Ares.
Mars (auch Mamers, Mavors), neben Jupiter der Hauptgott der alten Italer, dessen Dienst namentlich bei den Latinern und Römern uralt war. Doch ist seine ursprüngliche Naturbedeutung nicht sicher. Die einen (Preller) fassen ihn als Gott des "männlichen Naturtriebes", die andern (Roscher) als Gott der Sonne auf. Er war ein Sohn der Juno, die ihn infolge der Berührung einer wunderbaren Frühlingsblume gebar, und galt den Römern als Vater des Romulus und Remus (durch Rea Silvia) für den Ahnherrn des ganzen Volkes. Ihm war der erste Monat des alten römischen Jahrs (der Frühlingsmonat März) geweiht.
In dem uralten Liede der Arvalbrüder bei dem Maifest der Dea Dia wurde Mars um Hilfe und Schutz angerufen; ebenso betete man zu ihm früher bei der Flurweihe (Ambarvalien), Familie, Feld und Viehstand zu segnen und vor Krankheit, Unwetter und anderm Schaden zu bewahren, und bei dem Fest am 15. Okt. (s. unten) opferte man ihm ein Pferd zum guten Gedeihen der Aussaat. Durch einseitige Auffassung seines Wesens ward er dann allmählich zum Kriegsgott schlechthin und in der spätern Zeit vollständig mit dem griechischen Ares (s. d.) identifiziert. Als Kriegsgott führte er besonders den Beinamen Gradivus ("der Schreitende", wohl vom Sturmschritt der Schlacht zu verstehen).
Seine Symbole waren der reißende Wolf, der kriegerische und weissagende Specht und die Lanze. Bei Ausbruch eines Kriegs forderte ihn der Feldherr feierlich zur Teilnahme auf, indem er an seine heilige Lanze und die heiligen Schilde (s. Ancile) schlug mit dem Ruf: Mars vigila! ("Mars erwache"). Auch während des Feldzugs und vor der Schlacht wurde ihm viel geopfert, und in seinem Namen vorzüglich wurden die militärischen Auszeichnungen erteilt. Als Schutzpatron der kriegerischen Übungen war ihm das Marsfeld (Campus Martius) geweiht, auf dem auch ihm zu Ehren Wettspiele mit kriegerischen Rossen (Equirria) am 27. Febr., 14. März und 15. Okt. stattfanden. Bei letztern wurde das rechte Pferd des siegreichen Gespanns an seinem Altar auf dem Marsfeld geopfert, das sogen. Oktoberroß, dessen aufgefangenes Blut im Tempel der Vesta aufbewahrt und an den Palilien (s. d.) als Reinigungsmittel gebraucht wurde. Den Kultus des Mars besorgte ein eigner Priester, der Flamen Martialis, und das Kollegium der Salier (s. d.), das ihn besonders als Kriegsgott feierte.
Seine Hauptfestzeit fiel in den März. Als seine Genossen im Kampfe feierte man angeblich schon seit Tullius Hostilius in besondern Heiligtümern Pavor und Pallor ("Furcht" und "Erbleichen"). Einen neuen Kult richtete ihm Augustus als Mars Ultor (Rächer des Cäsar) in dem 2 v. Chr. eingeweihten prachtvollen (heute noch in Ruinen erhaltenen) Tempel auf dem Forum Augusti ein, in welchem sein Bild und das der Venus als der beiden göttlichen Ahnen des Julischen Geschlechts standen. Bei den Sabinern wurde Mars auch als Schutzgott (siehe auch Schutzgötter) der Ehe und des ehelichen Lebens verehrt und zum Gemahl der Nerio (s. d.) gemacht. Beiname des sabinischen Mars ist Quirinus (s. d.). Über die bildlichen Darstellungen des Mars s. Ares. Vgl. Roscher, Apollon und Mars (Leipz. 1874); Robiou, Nom et caractère du Mars des anciens Latins (Par. 1874
Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878
Mars bei Moritz
Mars: Auch dem Furchtbaren und Schrecklichen, dem verderblichen Kriege selber gab die Einbildungskraft der Alten Persönlichkeit und Bildung und milderte selbst dadurch den Begriff des Wilden und Ungestümen, das durch die Heere wie ein Wetter hinfährt, Wagen zertrümmert, Helme zerschellt, den Tapfern wie den Feigen im wirbelnden Sturme zu Boden wirft und über der grauenvollen Verwüstung triumphiert.
Die menschenähnliche Bildung, worin die Dichtung diese furchtbare Erscheinung hüllte und sie dem Chor der seligen Götter zugesellte, gab nun dem Krieger auch ein hohes Urbild, das über ihm in Majestät gehüllt war und das er durch Kühnheit und Tapferkeit nachahmend in sich übertrug.
Demohngeachtet verliert sich zuweilen in den Dichtungen die menschenähnliche Bildung des Mars wieder in den Begriff des streitenden Heers. Als er selbst im Treffen vor Troja, mit Hilfe der Minerva, von dem tapfern Diomedes verwundet wurde, so brüllte er wie zehntausend Mann im Schlachtgetümmel, und Furcht und Entsetzen kam die Trojaner und Griechen an, als sie den ehernen Kriegsgott brüllen hörten. Dieser aber schien dem Diomed wie nächtliches Dunkel, das vor dem Sturme hergeht, als er in Wolken gehüllt zum Himmel aufstieg.
Und als er nun hier beim Jupiter sich beklagte, so schalt ihn dieser mit zürnenden Worten: »Belästige mich nicht mit deinen Klagen, Unbeständiger, der du mir der verhaßteste unter allen Göttern bist, die den Olymp bewohnen. Denn du hast nur Gefallen an Krieg und Streit; in dir wohnt ganz die Gemütsart deiner Mutter; und wärst du der Sohn eines andern Gottes und nicht mein Sohn, so lägst du längst schon tiefer, als Uranos' Söhne liegen.«
Die Unbeständigkeit des Mars, welche ihm auch Minerva vorwirft, die ihn einen Überläufer schilt, der es bald mit dem einen Heer, bald mit dem andern hält, ist wiederum der Begriff des Krieges selber, den die Dichtkunst hier als ein Wesen darstellt, das gleichsam um sein selbst willen da ist, unbekümmert, wer überwunden wird oder siegt, wenn nur das Schlachtgetümmel fortwährt.
So zürnen die erhabenern und eben deswegen auch sanftern Gottheiten, Minerva und Jupiter, auf den ungestümen und unbeständigen Mars, der aber demohngeachtet als ein hohes Wesen seinen Sitz unter den himmlischen Göttern hat und dem auf Erden Tempel und Altäre geweiht sind.
Auch wußte der wilde Mars mit seinem jugendlichen Ungestüm die sanfte Venus selbst zu fesseln, die ihrem Gatten, dem kunstreichen bildenden Vulkan, den zerstörenden Kriegsgott vorzog, mit dem sie ein verstohlnes Liebesbündnis knüpfte.
Aus diesem verstohlnen Bündnis des Sanften mit dem Ungestümen entstand Harmonia, der Venus schönste Tochter, die mit Kadmus, dem Stifter und Erbauer von Theben, sich vermählte.
Auf der Untreue der Venus verweilt die bildende Kunst der Alten und ihre Dichtkunst gern. Vulkanus zürnt vergeblich; die Schönheit bindet sich an kein Gesetz, sie ist über allen Zwang erhaben, und das verderbliche Jugendliche ist, was ihr wohlgefällt.
So wie nun Venus mit Zärtlichkeit den Kriegsgott fesselt, so hält Minerva ihn mit Weisheit von seinem Ungestüm zurück. Denn als einst Jupiters drohendes Verbot den Göttern untersagt hatte, in den Krieg der Trojaner und Griechen sich zu mischen, und Mars vernahm, sein Sohn Askalaphus sei erschlagen, so ließ er seine Diener, das Schrecken und das Entsetzen, die Pferde vor seinen Wagen spannen und legte seine leuchtenden Waffen an.
»Zürnt nicht, ihr Götter«, sprach er, »daß ich den Tod meines Sohnes räche, wenn Jupiter selbst auch seine Blitze auf mich schleudert.« Da sprang Minerva zu, riß ihm den ehernen Spieß aus seiner starken Hand, den Helm vom Haupte, den Schild von seiner Schulter. »Rasender«, sprach sie, »willst du uns alle ins Verderben stürzen, wenn aufs höchste Jupiters Zorn gereizt ist? Laß ab zu zürnen, denn mancher ist erschlagen, der stärker war als dein Sohn, und mancher Stärkere wird noch fallen. Wer kann die Sterblichen vom Tode befreien?« so sprach sie und brachte den Mars zu seinem Sitz zurück.
Wer sieht nicht durch alle diese menschenähnlichen Darstellungen der Götter die großen Bilder und Gedanken durchschimmern, welche diesen Dichtungen Hoheit und Würde geben; es sind immer die Begriffe von wilder Zerstörung, Sanftheit des Erhabenen, hohem Reiz des Schönen und von lenkender Weisheit, die auf mannigfaltige Weise ineinanderspielen und unter der Decke des Menschenähnlichen sich verhüllen.
Nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek ist der Kriegsgott abgebildet, wie er, sich mit der Rechten stützend und Spieß und Schild in der Linken tragend, vom Gipfel des umwölkten Olymps herniedersteigt. Auf ebendieser Tafel ist Venus mit dem Liebesgott ebenfalls nach einem antiken geschnittenen Steine im Umriß abgebildet.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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