Esoterik - Okkultismus  

Merkur















Merkur - Gott des Handels

Merkur - der Götterbote

Merkur (Mercurius) ist der römische Gott des Handels und der Schäfer; der Götterbote. Merkur entspricht dem griechischen Hermes. Vater des Pan.

Merkur (lat. Mercurius), der italische Handelsgott, als solcher mit dem griech. Hermes (s. d.) identifiziert, dessen Abkunft und übrige Eigenschaften dann auf ihn übertragen wurden. In Rom wurde ihm als Beschützer des für diese Stadt so wichtigen Kornhandels, namentlich mit Sizilien, ein öffentlicher Kultus zuerst 495 durch Einweihung eines Tempels am Circus maximus eingerichtet gleichzeitig mit der Stiftung einer eignen Zunft der Kaufleute, die als Mitglieder derselben mercuriales hießen. Am Stiftungstag des Tempels und der Zunft, 15. Mai, opferten die Kaufleute dem Gott nebst seiner Mutter Maja und besprengten aus einer ihm geweihten Quelle an der Porta Capena Haupt und Waren mit Wasser. Mit dem römischen Handel verbreitete sich später der Merkurdienst weit nach dem Westen und Norden. Bei den Etruskern hieß M. Turms. - Die Alchimisten bezeichneten mit dem Namen Merkur alles Flüchtige, z. B. Mercurius communis, Quecksilber, Merkur vegetabilis, Weingeist, etc. Gegenwärtig versteht man unter Merkur oder Merkur vivus ausschließlich das Quecksilber und in Zusammensetzungen Quecksilberpräparate, z. B. Merkur dulcis, Kalomel; Merkur praecipitatus per se, rotes Quecksilberoxyd, etc.
Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878

Merkur bei Moritz

Merkur: In diese leichte Götterbildung hüllte die Phantasie der Alten die Begriffe von schneller Erfindungskraft, List und Gewandtheit ein, die sich sowohl in der täuschenden Überredung als in dem leicht vollführten scherzenden Diebstahl zeigte, worüber selbst der Beraubte, wenn er die kühne Schalkheit wahrnahm, lächeln mußte.

Schalkheit und List ist hier mit der Macht der Gottheit und mit Unsterblichkeit gepaart; denn nichts war unheilig in der Vorstellungsart der Alten, was aus dem mannigfaltigen Bildungstriebe der Natur hervorging und, wenn gleich durch sich selber schadend, dennoch den Stoff des Schönen und Nützlichen in sich enthielt.

Die Phantasie setzt ihren Göttergestalten keine Schranken, sie läßt bei jeglicher den herrschenden inwohnenden Trieb in seinem weitesten Umfange spielen und führt ihn gern bis auf den Punkt des Schädlichen hin; eben weil in diesen Dichtungen die großen Massen von Licht und Schatten und die furchtbaren Gegensätze in der Natur sich zusammendrängen, die sonst das Auge nur zerstreut und einzeln wahrnimmt, und weil gewissermaßen jede Göttergestalt das Wesen der Dinge selbst, aus irgendeinem erhabenen Gesichtspunkt betrachtet, in sich zusammenfaßt.

In dieser Rücksicht ist die Dichtung vom Merkur eine der schönsten und vielumfassendsten. Er ist der behende Götterbote, der Gott der Rede, der Gott der Wege; in ihm verjüngt sich das schnelle geflügelte Wort und wiederholt sich auf seinen Lippen, wenn er die Befehle der Götter überbringt.

Darum ist auch sein erhabenes Urbild die Rede selber, welche als der zarteste Hauch der Luft sich in den mächtigen Zusammenhang der Dinge gleichsam stehlen muß, um durch den Gedanken und die Klugheit zu ersetzen, was ihrer Wirksamkeit an Macht abgeht.

Auch lieh die Phantasie der Alten gern dem Worte Flügel, weil es vom schnellen Hauch begleitet erst hörbar wird; und wenn der Laut nicht über die Lippen kam, so war ihr schöner Ausdruck: dem Worte fehlten die Flügel.

Die Zunge der Opfertiere war dem Merkur geweiht; Milch und Honig brachte man dem Gott der sanft hinströmenden Unterredung dar. Aus seinem Munde senkte sich, nach einer dichterischen Darstellung, vom Himmel eine goldene Kette nieder, bis zu dem lauschenden Ohre der Sterblichen, die der süße Wohllaut von seinen Lippen mit mächtigem Zauber lenkte.

Unwiderstehlich ist seine Macht, den Zwist zu schlichten, das Streitende zu versöhnen und das Mißtönende harmonisch zu verbinden. Dem Schoß der Mutter noch nicht lange entwunden, schlug er mit seinem goldnen Stabe zwischen zwei erzürnte, miteinander streitende Schlangen, – und diese vergaßen plötzlich ihrer Wut und wickelten sich vereint, in sanften Krümmungen um den Stab, bis an die Spitze, wo ihre Häupter in ewiger Eintracht sich begegnen.

Es gibt kein schöneres Sinnbild, um die Versöhnung und den Frieden sowie die harmonische Verbindung des Widerstreitenden und Entgegengesetzten zu bezeichnen, als diesen schlangenumwundenen Stab, der in der Hand des Götterboten der Herold seiner Macht ist.

Nichts ist reizender als die dichterischen Schilderungen der Alten von der schnell sich entwickelnden Götterkraft, die gleichsam lange vorher schon war und nun, in verengter Gestalt aus dem Schoß der Mutter neu geboren, die Fülle ihres Wesens, welche sie in sich spürt, nicht lange durch Windeln und durch die Wiege beschränken läßt.

Während daß Juno schlief, hatte Jupiter in verstohlner Umarmung mit der holden Maja den Merkur in einer schattichten Höhle erzeugt. Und als die Zeit der Entbindung da war, so wurde am frühen Morgen der Götterknabe geboren, am Mittag schlug er schon die von ihm selbst erfundene Laute, und am Abend entwandte er die Rinder des Apollo.

Die Laute erfand er, da er am ersten Mittage sich aus der Wiege stahl und, indem er über die Schwelle trat, eine Schildkröte ihm entgegenkam, deren umwölbende Schale ihm sogleich ein schickliches Werkzeug schien, um von dem Klange daraufgespannter Saiten widerzutönen.

»Wenn du tot bist«, sprach er zu der Schildkröte, »dann wird erst dein Gesang anheben.« Und als er ihr nun das Leben geraubt hatte und die Umwölbung leer war, spannte er sieben aus Sehnen geflochtene miteinander tönende Saiten darüber und schlug sie mit dem klangentlockenden Stäbchen, jeden einzelnen Ton versuchend, der tief im Bauch der Wölbung widerhallte. – Nun konnte er auch der Lust zu singen nicht widerstehen und besang, die Laute schlagend, was nur sein Auge erblickte, die Dreifüße und Gefäße in seiner Mutter Hause; aber er sang auch schon mit höherm Schwunge Jupiters Liebesbündnis mit der holden Maja als seiner eigenen Gottheit Ursprung.

Als nun am Abend die Sonne sich in den Ozean tauchte, war er schon auf den piräischen Gebirgen, wo die Herden der unsterblichen Götter weiden. Funfzig entwandte er von Apollos Rindern und trieb sie mit manchem listigen Kunstgriff über Berg und Tal, daß niemand die Spur des Raubes entdecken konnte, wenn nicht ein Greis, der auf dem Felde grub, den Knaben mit den Rindern vor sich her bemerkt und ihn dem Apollo verraten hätte.

Als er nun am Alpheusstrome zwei von den Rindern geschlachtet und sie sich selber geopfert hatte, so löschte er wieder das Feuer aus, verscharrte die Asche in den Sand und warf die Schuh von grünen Reisern, womit er die Fußstapfen unkenntlich zu machen gesucht, in den vorüberströmenden Alpheus, damit auch hier sich keine Spur mehr zeige.

Dies alles tat er bei Nacht und hellem Mondenschein.

Als nun der Tag anbrach, da schlich er sich leise wieder in die Wohnung seiner Mutter und legte sich in die Wiege, die Windeln um sich her, die Laute, als sein liebstes Spielwerk, mit der Linken haltend.

Und als nun Apollo wegen der geraubten Rinder zürnend kam, so stellte sich der Räuber, als ob er in der Wiege in süßem Schlummer läge, die Laute unterm Arme. Apollo drohte, ihn in den Tartarus zu schleudern, wenn er nicht schnell den Ort anzeigte, wo die entwandten Rinder wären.

Da antwortete der listige Knabe, mit den Augen blinzelnd: »Wie grausam redest du, Latonens Sohn, einen kleinen Knaben an, der gestern geboren ist und dem ganz andre Dinge lieb sind, als Rinder hinwegzutreiben; der sich nach süßem Schlummer und nach der Brust der Mutter sehnt und dessen Füße viel zu weich und zart sind, als daß sie rauhe Pfade betreten könnten. Doch ich will bei meines Vaters Jupiter Haupte schwören, daß ich die Rinder weder selber entwandt habe noch den Täter weiß.«

Und als sie nun beide, um ihren Streit zu schlichten, vor dem Vater der Götter auf dem Olymp erschienen, so bringt zuerst Apollo wegen der entwandten Rinder seine Klage vor. Merkur aber stand in Windeln da, um durch sein zartes Alter selbst die Klage zu widerlegen.

»Seh' ich denn wohl«, so sprach er zum Jupiter, »einem starken Manne gleich, der Rinder hinwegzutreiben vermag? Gewiß sollst du, mein Erzeuger selbst, die Wahrheit von mir hören: Ich lag in süßem Schlummer und habe die Schwelle unsrer Wohnung nicht überschritten; du weißt auch selber wohl, daß ich nicht schuldig bin; doch will ich's auch durch den größten Schwur beteuern und jenem einst sein grausames Wort vergelten; du aber stehe dem Jüngern bei!«

So sprach Merkur, mit den Augen blinzelnd, und Jupiter lächelte über den Knaben, daß er so schön und klug den Diebstahl zu leugnen wußte.

Zugleich befahl er dem Merkur, den Ort zu zeigen, wo die Rinder verborgen wären. Als dieser nun Jupiters Befehl gehorchte, ward auch Apollo wieder mit ihm versöhnt, und die vom Merkur erfundene Laute war der Versöhnung Unterpfand.

Denn als der Gott der Harmonien ganz entzückt den lieblichen Ton vernahm, der fähig ist, Liebe und Freude und Schlummer zu bewirken, gewann er auch den klugen Erfinder lieb und sprach: »Die Erfindung sei der funfzig geraubten Rinder wert!« Da schenkte ihm Merkur die Laute, und Apollo war über den Besitz des kostbaren Schatzes hocherfreut; damit ihm dieser aber vollkommen gesichert sei, so bat er den Merkur, ihm noch beim Styx zu schwören, daß er die sanft ertönende Laute ihrem nunmehrigen Besitzer nie wieder entwenden wolle.

Apollo schenkte nachher dem Merkur den goldenen Stab, der alle Zwiste schlichtet; jetzt aber kehrten die beiden Nahverwandten Hand in Hand geschlungen zum Olymp zurück; es war die Kunst, die ein schönes Band zwischen ihnen knüpfte, und Jupiter freute sich ihrer Eintracht.

Merkur wird nun der Götterbote; er ist die behende Macht, das schnell sich Bewegende unter den hohen Göttergestalten, die gleichsam fest gegründet in ihrer Majestät den schnellen, erfindungsreichen Gedanken vom Himmel zur Erde senden, und wenn er wiederkehrt, ihn in ihrem hohen Rat aufnehmen.

Auch die Kunst, zu ringen und durch Behendigkeit der Stärke überlegen zu sein, lehrte Merkur die Menschen. Alles, wodurch der zarte Gedanke, sich in der Dinge geheimste Fugen stehlend, des mächtigen Zusammenhangs Meister wird, ist das Werk des leichten Götterboten.

Er stieg vom hohen Olymp ins Reich des Pluto nieder. Die Seelen der Verstorbenen führt er mit seinem Stabe der öden Schattenwelt, der dunkeln Behausung der Toten zu; er selber steigt wieder zum Olymp empor, wo ewiger Glanz und Klarheit herrscht.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre


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