Minerva - römische Göttin
Minerva - Göttin der Handwerker
Minerva, ist eine altitalische Göttin (der Handwerker, Weisheit, der Künste, der Wissenschaft und des Krieges). Minervas griechische Entsprechung ist die Athene.
Minerva (Menerva), die italische Göttin des Verstandes, des Nachdenkens und der Erfindsamkeit, die Schutzpatronin aller Fertigkeiten und Künste, insbesondere der Spinnerinnen und Weberinnen, der Walker, Färber, Schuster, Zimmerleute, Musikanten, Bildhauer, Maler, Ärzte, Schauspieler, Dichter, der Schullehrer und namentlich auch der Schulkinder. Ihre ältesten und wichtigsten Heiligtümer lagen in Rom auf den Höhen der Stadt: auf dem Kapitel, wo sie von dem ihr mit Jupiter und Juno gemeinsamen großen Tempel das Schiff zur Rechten des höchsten Gottes innehatte, dem Aventin, wo sich das Versammlungslokal der Dichter und Schauspieler befand, und aus dem Cälius. Ihr Hauptfest waren die Quinquatrus (s. d.). Im Lauf der Zeit trat die griechische Auffassung immer mehr in den Vordergrund, indem Minerva mit Pallas Athene identifiziert wurde. So geschah es jedenfalls im Hinblick auf die Sieg und Beute verleihende Athene, wenn ihr Pompejus von der Beute seiner Feldzüge im Orient einen Tempel errichtete, und Augustus hatte die beratende Athene im Auge, wenn er die von Cäsar erbaute Julische Kurie mit einer der Minerva geweihten Vorhalle versah. Auch bildlich wurde die römische Minerva ganz der griechischen Göttin entsprechend dargestellt (s. Athene).
Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878
Minerva bei Moritz
Minerva: Als die blauäugichte Göttin aus Jupiters unsterblichem Haupte mit glänzenden Waffen hervorsprang, so bebte der Olymp, die Erd' und das Meer erzitterte, und der Lenker des Sonnenwagens hielt seine schnaubenden Rosse an, bis sie die göttlichen Waffen von ihrer Schulter nahm.
Aus keiner Mutter Schoß geboren, war ihre Brust so kalt wie der Stahl, der sie bedeckte. Sie näherte sich dem männlich Großen, und weiblicher Zärtlichkeit war ihr Busen ganz verschlossen.
Der Mangel an weiblicher Zärtlichkeit aber ist mit Zerstörungssucht verknüpft, welche stets mit jenem in gleichem Grade zunimmt. – Es ist die sanfte Venus, die nur aus Liebe zum Adonis mit ihm die Rehe verfolgt; die kältere Diana findet an der Jagd und an der Zerstörung selbst schon ihre Lust, indes sie doch zuweilen noch mit verstohlner Zärtlichkeit sich an Endymions Schönheit weidet.
Der kalten jungfräulichen Minerva aber ist jedes Gefühl von Zärtlichkeit und schmachtender Sehnsucht fremd; sie findet daher auch gleich dem Kriegsgott am Schlachtgetümmel und an zerstörten Städten ihr Ergötzen, nur daß sie nicht von jenem die rauhe Wildheit hat, weil sie zugleich die friedlichen Künste schützt.
Zurückschreckende Kälte macht den Hauptzug in dem Wesen dieser erhabenen Götterbildung aus, wodurch sie zur grausamen Zerstörung und zur mühsamen Arbeit des Webens, zur Erfindung nützlicher Künste und zur Lenkung der aufgebrachten Gemüter der Helden gleich fähig ist.
Als Achill im Begriff war, gegen den Agamemnon sein Schwert zu ziehen, so stand plötzlich, ihm allein nur sichtbar, die blauäugichte Göttin hinter ihm, mit schrecklichem Blick, bei seinem gelben Haar ihn fassend, und hielt mit weisem Rat den jungen Held zurück, daß er am silbernen Griff sein Schwert wieder in die Scheide drückte.
So ist die himmlische Pallas mitten im Kriege selbst noch Friedensstifterin. – Die wilde Bellona hingegen, welche mit fliegendem Haar, die Geißel in der einen, die Waffen in der andern Hand, den Wagen des Kriegsgottes lenkt, ist eine untergeordnete Göttergestalt. In ihr ist nicht die erhabene Friedensstifterin, die Erfinderin der Künste noch mitten im wütenden Treffen sichtbar, sondern nur die rasende Wut, die Grausamkeit, die Mordlust und die Zerstörung für sich allein.
Daß in Minervens hoher Götterbildung, so wie beim Apollo, das ganz Entgegengesetzte sich zusammenfindet, macht eben diese Dichtung schön, welche hier gleichsam zu einer höhern Sprache wird, die eine ganze Anzahl harmonisch ineinandertönender Begriffe, die sonst zerstreut und einzeln sind, in einem Ausdruck zusammenfaßt.
So ist Minerva die verwundende und die heilende, die zerstörende und die bildende; eben die Göttin, welche am Waffengetümmel und an der tobenden Feldschlacht sich ergötzt, lehrt auch die Menschen die Kunst, zu weben und aus den Oliven das Öl zu pressen.
Die furchtbare Zerstörerin der Städte wetteifert mit dem Neptun, nach wessen Namen die gebildetste Stadt, die je den Erdkreis zierte, genannt werden sollte; und als der König der Gewässer mit seinem Dreizack das kriegerische Roß hervorrief, so ließ sie den friedlichen Ölbaum aus der Erde sprossen und gab der Stadt, worin die Künste blühen sollten, ihren sanftern Namen.
Die Wildheit des Kriegerischen war bei dieser Göttergestalt durch ihre Weiblichkeit gemildert, und die Weichheit und Sanftheit des Friedens und der bildenden Künste lag unter der kriegerischen Gestalt verdeckt. – Was man sich selten zusammendenkt und was in diesem schönen Ganzen der Natur doch eingehüllt noch schlummert, das rief die hohe Dichtung in eine einzige vielumfassende Göttergestalt herauf und hauchte dem neu sich bildenden Begriffe Leben ein.
Ohngeachtet des Entgegengesetzten stört doch keins der Bilder, welche diese Dichtung in sich vereinigt, die Harmonie des Ganzen. Alles deutet auf kalte überlegende Weisheit, welche nie die Stimme der Leidenschaft hört und zugleich in das Zurückschreckende der gänzlichen Unzärtlichkeit sich einhüllt.
Das versteinernde Haupt der Medusa drohet auf dem Schilde, welcher Minervens Brust bedeckt; es ist der düstre, freudenlose Nachtvogel, der über ihrem Haupte schwebt. Sie selber ist es, die den duldenden, standhaften, kalten und verschlagenen Ulysses in Schutz nimmt und die aufgebrachten Helden zur Kaltblütigkeit zurückruft.
Auch wird in diesen Dichtungen die sanftre kriegerische Macht der ungestümern als überlegen dargestellt. Da nämlich in dem Kriege vor Troja zuletzt die Götter selber, nachdem sie die Partei der Griechen oder Trojaner nahmen, sich zum Streit auffordern, so tritt der wilde Kriegsgott Mars gegen die sanftre und erhabnere Pallas auf und rennt mit seiner Lanze wütend gegen ihren Schild an, wogegen selbst Jupiters Blitze nichts vermögen.
Sie aber tritt ein wenig zurück und hebt mit starker Hand vom Felde einen ungeheuren Grenzstein auf, den schleudert sie gegen die Stirne des Kriegsgottes, daß er darniederfällt und sieben Joch Landes deckt.
Demohngeachtet aber läßt die Dichtung auch die Züge dieser männlich starken erhabnen Göttin ganz leise wieder ins Weibliche übergehen. Denn da sie die Flöte erfunden hatte und in der klaren Flut sich spiegelnd sahe, daß durch das Blasen sich ihr Gesicht entstellte, so warf sie die Flöte weg, die Marsyas nachher zu seinem Unglück fand.
Auch war sie gleich der Juno eifersüchtig, daß Venus den goldnen Apfel als den Preis der Schönheit aus Paris' Hand erhielt. Sie ruhte gleich der Juno nicht eher, bis Troja in Flammen stand, des Priamus Geschlecht vertilgt und ihre Rache befriedigt war. – Die Götterbildung wird menschenähnlich und stellt die Rachsucht selbst, wegen der Macht, mit der sie ausgeübt wird, in hoher dichterischer Schönheit dar.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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