Minos - Halbgott
Minos - Sohn des Zeus
Minos - Held der griechischen Sage, Halbgott, Sohn des Zeus und Europa, König von Kreta
Minos
Minos - In der Gestalt des mutigen Stiers, worin die Alten gern, als ein Sinnbild der Stärke, die Gottheit hüllten, entführte Jupiter die Europa, des Agenors Tochter, nach Kreta, wo er den Minos mit ihr erzeugte, der, seines erhabenen Ursprungs würdig, den Völkern Gesetze gab und sie zuerst zu einem Staate durch weise Einrichtung bildete.
Die Dichtung läßt den Minos in einer Grotte auf dem Ida von Zeit zu Zeit mit dem Jupiter geheime Unterredungen pflegen, deren Inhalt er als die Grundlage seiner Gesetzgebung dem horchenden Volke bekanntmacht. Wegen seiner weisen Regierung eignete die Dichtung dem Minos nebst seinem Bruder und Ratgeber Rhadamanthys als den gerechtesten Menschen das Richteramt über die Toten zu; zu diesen beiden gesellte sie den Äakus, des Peleus Vater, und, nach einer anderen Sage, auch den Triptolemus, der ein Wohltäter der Menschen war. – Minos, des Gesetzgebers Enkel, war ein tapfrer und kriegerischer Fürst, der das Mittelländische Meer von Seeräubern befreite und die Fahrt auf demselben wieder sicher machte. Allein ihn betrafen Unglücksfälle, wodurch seine glorreichsten Siege ihm vergällt, sein Leben verbittert wurde:
Die Vermählte des Minos war Pasiphae, eine Tochter der Sonne und Schwester des Äetes. Venus warf auf dies Geschlecht einen alten Haß, weil Helios oder die Sonne einst ihr Liebesverständnis mit dem Mars entdeckt und verraten habe. Sie flößte der Pasiphae zu einem Stier, den Neptun aus dem Meere steigen ließ, eine schändliche Liebe ein. Während der Abwesenheit des Minos beging Pasiphae das unnatürliche Verbrechen und gebar ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, das unter dem Namen des Minotaurus zum öftern in diesen Dichtungen auftritt.
Dädalus, der kunstverständigste Bildner und Baumeister, welcher damals lebte, hatte sich wegen eines Verbrechens aus Athen nach Kreta geflüchtet, und Minos, um die Schande seines Hauses den Blicken der Menschen und dem Antlitz des Tages zu verbergen, trug dem Dädalus auf, ein unterirdisches Gewölbe mit unzähligen irreführenden Gängen ihm zu erbauen. Dies war das berühmte Labyrinth, in dessen Mitte der Minotaurus eingeschlossen nur von denen erblickt wurde, die ihm zur Strafe als Opfer vorgeworfen wurden und um ihren Tod zu finden das Labyrinth betraten.
Androgeus, ein Sohn des Minos, war während der Zeit nach Athen gereist, um dort, mit vielen andern Fremden, den Atheniensischen Spielen beizuwohnen, wo er bei allen Kämpfen den Preis davontrug und durch den Beifall des ganzen Volks, den er sich erwarb, die Eifersucht und den Verdacht des kinderlosen Ägeus rege machte, der damals Athen beherrschte und den hoffnungsvollen Sohn des Minos meuchelmörderischerweise ermorden ließ.
Kaum hatte Minos dies neue Unglück seines Hauses vernommen, so kam er mit seiner ganzen Macht, den grausamen und schändlichen Mord zu rächen. Zuerst belagerte er Nisa, wo Nisus, ein Bruder des Ägeus herrschte. Den Nisus verriet seine eigne Tochter Scylla, indem sie eine gelbe Haarlocke, wodurch er unüberwindlich war, von seinem Haupte schnitt und sie dem Minos brachte, gegen den sie, von Liebe entbrannt, der Pflicht und kindlichen Zärtlichkeit vergaß und nach Verdienst bestraft wurde, indem sich Minos zwar ihres Geschenks bediente, die Verräterin aber mit Zorn und Verachtung von sich stieß.
Als Minos die Stadt Nisa, welche nachher Megara hieß, erobert hatte, rückte er gerade auf Athen, das schon vorher von Dürre und Hungersnot gedrückt, der Götter Zorn empfand und unter seinem traurigen Schicksal seufzte. Als zu dem allen noch das Orakel den Ausspruch tat: die Götter würden nicht aufhören, Unglück über die Stadt zu schicken, bis dieselbe dem Minos für den Mord seines Sohnes erst völlige Genugtuung geleistet, so schickten sie Abgeordnete an den König von Kreta, die ihn in flehender Gestalt um Frieden baten.
Die harte Bedingung des Friedens war, daß die Athenienser dem Minos jährlich sieben der schönsten Knaben und sieben der schönsten Mädchen nach Kreta schicken mußten, wo sie, um den Mord des Androgeus abzubüßen, als Schlachtopfer für ihr Vaterland dem Minotaurus zur Beute wurden. Als Theseus endlich den Minotaurus erlegte und mit der Ariadne, des Minos Tochter, entflohe, schloß Minos, da er sich weiter nicht rächen konnte, den Athenienser Dädalus nebst seinem Sohne Ikarus in das von dem Künstler selbst erbaute Labyrinth. Dem Dädalus aber bot die Kunst ein Mittel dar, mit seinem Sohn dem Kerker zu entfliehn.
Kokalus, ein Fürst in Sizilien, nahm den Dädalus auf und lud den Minos, welcher kam und die Auslieferung des Dädalus verlangte, selbst zu einer Unterredung ein, stellte sich freundlich gegen ihn und bewirtete ihn in seinem Hause, wo er hinterlistigerweise ihn zuletzt im Bade erstickte. So fand Minos, der tapfre Krieger, da er den Künstler verfolgte, den die Götter schützten, in einem fremden Lande seinen Tod.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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