Die Musen
Musen - Göttinnen der Künste
Die Musen
Die Dichtung läßt diese himmlischen Wesen vom Jupiter und der Mnemosyne abstammen. Mnemosyne, deren in der Reihe der alten Gottheiten schon gedacht ist, war eine Tochter des Himmels und der Erde und eine Schwester des Saturnus. Durch die himmlischen Einflüsse, welche bei ihrer Bildung mit den irdischen sich vermählten, ward zuerst die Erinnrungskraft, die Mutter alles Wissens und Denkens, in ihr geboren. Neun Nächte lang umarmte Jupiter die Mnemosyne, als er die Musen mit ihr erzeugte.
Einer der ältesten Dichter singt das Lob der Musen; sie gießen auf die Lippen des Menschen, welchem sie günstig sind, den Tau der sanften Überredung aus; sie geben ihm Weisheit, Recht zu sprechen, Zwiste zu schlichten und machen ihn unter seinem Volke berühmt. Den Dichter aber lehrten sie, selbst auf Bergeshöhen und im einsamen Tale, die göttlichen Gesänge, welche jedem, der sie vernimmt, die Sorgen und den Kummer aus der Brust verscheuchen.
Die Namen der neun Schwestern bezeichnen Tonkunst, Freude, Tanz, Gesang und Liebe; sie heißen:
Klio,
Melpomene,
Thalia,
Kalliope,
Terpsichore,
Euterpe,
Erato,
Urania,
Polyhymnia.
Musik, Gesang und Tanz sind eigentlich das Geschäft der Musen; in der Folge hat die spielende Dichtung einer jeden irgendeine besondere Beschäftigung zugeteilt; so ist nun Klio die Muse der Geschichte, Kalliope des Heldengedichts, Melpomene die tragische, Thalia die komische Muse, auf Polyhymniens Lippen wohnt die Beredsamkeit, Uraniens Blick gen Himmel mißt und umfaßt den Lauf der Sterne. Die übrigen drei, Euterpe, Terpsichore und Erato, teilen sich in Musik, Gesang und Tanz. Euterpe spielt die Flöte, Terpsichore tanzt, Erato singt der Liebe süße Lieder. Doch werden die besondern Beschäftigungen der Musen in den Dichtungen oft verwechselt.
So wie die Alten überhaupt die Götter des Himmels gern nach ihren Wohnplätzen unter den Menschen zu benennen pflegten, so erhielten auch die Musen von den Bergen, die sie bewohnten, und von den Quellen, die diesen Bergen entströmten, wohltönende Namen, womit die Dichter ihren Beistand sich erflehten. Der vorzüglichste Aufenthalt der Musen waren die berühmten Berge Parnassus, Pindus, Helikon. Auf dem Gipfel des Helikon entsprang vom Fußtritt des Pegasus die begeisternde Hippokrene und Aganippe. Am Fuße des Parnassus strömte der Kastalische Quell; auch die mit immerwährender Fülle sich ergießende Pimplea, auf einem Berge gleiches Namens, war den Musen heilig, auf deren Lippen nie der Strom des rühmenden Gesanges und der süßen Rede versiegte.
Pierinnen hießen die Musen von Pierien, wo die Dichtung ihren Geburtsort hin versetzte. – Apollo schließt sich unter den himmlischen Göttern dem Chor der Musen am nächsten an. Unter seinem Vorsitz auf dem Gipfel des Parnaß ertönt ihr Saitenspiel. Die bildende Kunst der Alten stellt sogar zuweilen den Apollo unter den Musen in reizender Schönheit weiblich gekleidet dar. Apollo, der unter dem Namen Musagetes den Chor der Musen anführt, ist eine der schönsten Dichtungen des Altertums, woran auch die bildende Kunst der Neuern sich versucht hat.
Merkwürdig ist es, daß auch Herkules unter dem Namen Musagetes als der Anführer der Musen bei den Alten verehrt wurde und man auf die Weise der Körperkraft und den Leibesübungen die geistigen Vorzüge zugesellte und beide sich unter einem Sinnbilde dachte. Einst wurden die Musen von den Sirenen zum Wettstreit im Singen aufgefordert, und als sie jene mit leichter Mühe besiegten, so war die Strafe der Vermeßnen, daß die Musen ihnen die Federn aus den Flügeln rupften und solche nachher zum Zeichen ihres Sieges auf den Köpfen trugen. Man findet daher die Musen zum öftern mit diesem Hauptschmuck gebildet.
Auf einem alten Denkmale ist eine Sirene dargestellt, bis auf die Mitte des Leibes wie eine Jungfrau, nach unten zu wie ein Vogel gestaltet, mit großen Flügeln auf dem Rücken, zwei Flöten in den Händen und sich betrübt nach der Muse umsehend, welche, stolz auf ihren Sieg, mit der einen Hand den Flügel der Sirene hält, indes sie mit der andern ihr die Federn ausrupft.
Der Gesang der Musen war treu und wahr, falsch und verführerisch aber die schmeichelnden Lieder der Sirenen, womit sie die Vorbeischiffenden an ihr Ufer in Tod und Verderben lockten, so wie auch ihre jungfräuliche Gestalt in das Ungeheure sich verlor. Die Dichtung von dem Siege der Musen über die Sirenen ist daher schön und bedeutend!
Überhaupt lassen die alten Dichtungen gegen angemaßte Kunsttalente immer ein sehr strenges Urteil ergehen. Der Satyr Marsyas wurde vom Apollo geschunden, weil er auf ein zu hohes Kunsttalent Anspruch machte und es wagte, mit dem Gott der Tonkunst selber in einem Wettstreit auf der Flöte es aufzunehmen. Diese Dichtungen selber scheinen bei den Alten eine Art von Erbitterung gegen alles Mittelmäßige und Schlechte in der Kunst vorauszusetzen. – Auch Thamyris, ein König in Thracien, mußte für seine Eitelkeit büßen, da er, sich rühmend und seiner Talente in der Musik und Dichtkunst sich überhebend, die Musen selber zum Wettstreit aufzufordern wagte, die ihn mit Blindheit straften und der Gabe zu dichten ihn ganz beraubten.
Was nun die Abbildung der Musen anbetrifft, so findet man sie am öftersten dargestellt mit einem Volumen, mit zwei Flöten oder mit einer Leier in der Hand. Das Volumen oder die Pergamentrolle bezeichnet entweder die Klio als die Muse der Geschichte oder die Polyhymnia als die Muse der Beredsamkeit. Bei den Flöten denkt man sich die Euterpe als die Muse der Tonkunst und bei der Leier die Erato als die Muse der Liebe einflößenden Gesänge. Melpomene, die tragische Muse, wird an der tragischen, Thalia, die komische Muse, an der komischen Larve erkannt. Kalliope, als die Muse des Heldengedichts, soll sich durch die Tuba, Terpsichore, die Muse der Tanzkunst, durch eine tanzende Stellung unterscheiden. Urania zeichnet durch ihren gen Himmel erhobnen Blick sich aus.
Indes sind alle diese Darstellungen bei den Alten mehr willkürlich gewesen. Die vielfache Zahl der Musen bezeichnete die Harmonie der schönen Künste, welche verschwistert Hand in Hand gehen und nie zu scharf eine von der andern abgesondert werden müssen. So stellt auch in den Abbildungen der Alten eine jede einzelne Muse gleichsam die übrigen in sich dar, und erst in neuern Zeiten hat man mit pedantischer Genauigkeit einer jeden Muse ihr eignes bestimmtes Geschäft anzuweisen gesucht.
Die Einbildungskraft der Alten ließ sich hierbei freien Spielraum. Man sieht auf alten Marmorsärgen die versammleten Musen auf mehr als einerlei Art und in abwechselnden Stellungen abgebildet. Ein Gemälde in den Herkulanischen Altertümern ist das einzige, welches die neun Musen ganz genau voneinander unterschieden darstellt, weil unter der Abbildung einer jeden auch ihr Name befindlich ist. Es scheint aber, als habe dieser Künstler eben deswegen zu der Unterschrift der Namen seine Zuflucht nehmen müssen, weil er selbst die äußern Merkmale seiner Musen, auch nach den damaligen Begriffen, nicht genug unterscheidend und bezeichnend fand.
Auf der hier beigefügten Kupfertafel ist nach einer schönen antiken Gemme die Muse stehend abgebildet, wie sie die Leier stimmt. Eine Darstellung, wodurch nicht eine einzelne Muse ausschließend, sondern die Muse überhaupt bezeichnet wird, insofern die Tonkunst, nach den ältesten Begriffen, ihr Hauptgeschäft ist. Denn mit der Tonkunst entwickelten sich zuerst die schlummernden Kräfte für die übrigen Künste. Musik, Gesang und Tanz war, wie wir schon bemerkt haben, das Hauptgeschäft der Musen, und es gibt keine eigene Muse für die bildenden Künste. Auf ebendieser Kupfertafel ist auch nach einer antiken Gemme ein Liebesgott (siehe auch Liebesgötter) abgebildet, welcher den Löwen, auf dem er reitet, mit den harmonischen Tönen seiner Leier zähmt, wodurch der Künstler in einem schönen Sinnbilde die vereinte Macht der Liebe und Tonkunst ausdrückt.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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