Neptun - Meeresgott
Neptun - Römischer Gott des Meeres
Neptun, römischer Meeresgott - entspricht dem Poseidon der Griechen.
Neptun / Neptunus, italischer Gott, Gemahl der Salacia, der Göttin der Salzflut, von den Römern mit dem griechischen Poseidon identifiziert, seitdem 399 durch die Sibyllinischen Bücher für diesen ein Lektisternium angeordnet war. Wie Poseidon wurde auch Neptun als Gott der See und der ritterlichen Übungen verehrt und hatte als solcher einen Tempel am Circus Flaminius, während auf dem Circus Maximus der altitalische Gott Consus in gleicher Eigenschaft einen Altar hatte. Später gründete Agrippa für seine Seesiege über Sextus Pompejus und Antonius dem Neptun ein Heiligtum mit einer Halle auf dem Marsfeld. Ein Fest des Neptun (die Neptunalien) mit Spielen wurde am 23. Juli gefeiert. Vgl. Poseidon.
Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878
Neptun bei Moritz
Neptun: Sowie die hohen Göttergestalten Pontus, Oceanus und Nereus in Schatten zurückgewichen sind, steigt nun in herrschender Majestät Neptun empor, den mächtigen Dreizack in der Hand, womit er die empörten Wogen ebnet, daß auf der stillen Meeresfläche sich sanfte Furchen bilden.
Was schnell sich fortbewegt, ergötzt den Herrscher der Wasserwogen; zu Lande lenkt er Roß und Wagen, und auf dem Meere sind die schnellen Schiffe seine Lust. – Er schlug die Erde mit seinem Dreizack, da sprang das Roß hervor.
Mit der Medusa erzeugte er den geflügelten Pegasus, der noch aus ihrem Blute hervorsprang, als sie vom Perseus enthauptet ward. – Ceres verwandelte sich in ein Pferd, um seiner Umarmung zu entfliehen, allein er verfolgte sie in ähnlicher Gestalt und zeugte mit ihr den Arion, das edelste, mit der Schnelligkeit des Windes begabte Roß, das Könige und Helden trug und bei den Kampfspielen in Griechenland seinen Reiter abwarf und selbst für sich den Preis davontrug.
Wir sehen in diesen Dichtungen die Tierwelt mit der Götterwelt immer nahe verknüpft. Das Tier wird als ein hohes Sinnbild der Natur betrachtet, worin die Gottheit selbst sich wieder darstellt. In der ägyptischen Götterlehre hüllte die Gottheit sich in lauter Tiergestalten, welches in einer sinnreichen Dichtung heißt, die Götter wären aus Furcht vor den Giganten nach Ägypten geflohen und hätten dort sich alle in Tiere verwandelt.
Obgleich mit dem Donnergott von einem Vater erzeugt, ist dennoch Neptun, gleich dem Element, das er beherrscht, die untergeordnete Macht. Da Iris in dem Kriege vor Troja dem Neptun die Drohung des Jupiter überbringt, er möge sich ja mit des Donnerers Macht nicht messen und ablassen, den Griechen beizustehn, so antwortet ihr der Erderschütterer: »Jupiter sei so mächtig er wolle, so hat er doch sehr stolz geredet! Sind wir nicht alle drei vom Saturnus erzeugt und von der Rhea geboren? Ist nicht unter uns das Reich geteilt? Er mag seine Söhne und Töchter, aber nicht mich mit solchen Worten schrecken!« Iris stellt ihm vor: »Den ältern Bruder schützt die Macht der Erinnyen!« Und Neptun gibt dem Donnerer nach und sagt die sanften Worte: »Du hast sehr wohl gesprochen, o Göttin, und es ist gut, wenn auch ein Bote das Nützliche weiß.«
Das Urbild des Neptuns ist die ungeheure Wasserfläche, die gleichsam auf das Erhabene zürnt und es sich gleichzumachen strebt. – Als die Griechen in der Belagerung von Troja nahe am Ufer des Meeres um ihre Schiffe eine Mauer zu einem Bollwerk gegen die Feinde errichtet hatten, so zürnte Neptun darüber und beklagte sich beim Jupiter: »Der Ruhm dieser Mauer«, sagte er, »wird sich verbreiten, so weit sich das Licht erstreckt; der meinigen aber, die ich einst dem Laomedon um Troja erbaute, wird man vergessen!«
Da antwortete ihm Jupiter: »O du großer Erderschüttrer, mich sollt' es nicht wundern, wenn ein andrer, nicht so mächtiger Gott ein solches Werk sich anfechten ließe; aber dein Ruhm verbreitet sich ja schon, so weit sich das Licht erstreckt, – und du wirst ja, sobald die Griechen hinweg sind, die Mauer ins Meer versenken und die Ufer mit Sand bedecken, daß keine Spur von ihr übrigbleibt.« Mit diesen Worten verwies Jupiter dem Neptun diese Art von kindischer Mißgunst gegen ein Werk der sterblichen Menschen.
Allein es ist das zürnende Element und seine gleichsam kindische, gedankenlose Macht, die durch den Mund der Götter spricht; wenn nun die Dichtung dem tobenden Elemente Bildung und Sprache gibt, so drücken seine Worte auch die Natur seines Wesens aus; das Wort bezeichnet selbst die unbehülfliche Macht und sinkt wieder unter die Menschenrede herab, in welcher der leichte Gedanke herrscht.
Auch die Erzeugungen des Neptun sind größtenteils ungeheuer. Die Aloiden, seine Söhne, welche auf den Olymp den Ossa wälzten, wurden selbst dem Jupiter furchtbar. Den ungeheuern Polyphem, einen Sohn des Neptun, hatte der klugheitbegabte Ulysses seines Auges beraubt; von der Zeit an verfolgte Neptun den Ulysses mit unversöhnlichem Haß.
Er vereitelte ihm, so lang er konnte, die Rückkehr in sein Vaterland; und da diese nach dem Schluß des Schicksals dennoch zuletzt erfolgen mußte, so nahm er an dem unschuldigen Schiffe der gastfreien Phäacier, die den Ulysses nach Ithaka gebracht hatten, seine Rache, indem er es auf der Rückkehr in einen Fels verwandelte.
So gefahrvoll war es, selbst für den Günstling der Minerva, die ungeheure Macht des starken Elementes, und was mit ihr verwandt war, zum Zorn gereizt zu haben.
Als einst die Musen auf dem Helikon Gesang und Saitenspiel so mächtig ertönen ließen, daß alles rundherum belebt ward und selbst der Berg zu ihren Füßen hüpfte, da zürnte Neptun und sandte den Pegasus hinauf, daß er den zu kühn gen Himmel sich Erhebenden Grenzen setzen sollte; als dieser nun auf dem Gipfel des Helikon mit dem Fuße stampfte, war alles wieder in dem ruhigern, sanftern Gleise und unter seinem stampfenden Fuße brach der Dichterquell hervor, der von des Rosses Tritt die Hippokrene heißt.
Im Kriege vor Troja saß Neptun auf der Spitze des waldichten Samos und sahe dem Treffen zu. Er zürnte heftig auf den Jupiter, daß er den Trojanern Sieg gab. Er stieg vom Berge hinunter; der Berg erbebte unter seinem Fußtritt. Drei Schritte tat er vorwärts, und mit dem vierten war er in Äge, wo tief im Meere sein Palast ist.
Er bestieg seinen Wagen und fuhr auf den Wellen daher. Die Heere der Wasserwelt stiegen empor und erkannten ihren König. Das Meer wich ehrfurchtsvoll zu beiden Seiten, und schnell flog der Wagen des Gottes, daß die eherne Achse unbenetzt blieb.
In dem zornigen Blick des Neptun malt sich das tobende Element; so ist er auf der hier beigefügten Kupfertafel, nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek im Umriß abgebildet, in der Rechten den Dreizack haltend und mit der erhobenen Linken die Zügel zusammenfassend, woran er die stolzen Rosse vor seinem Wagen lenkt, während daß sein Gewand im Sturmwinde flattert.
Auf ebendieser Kupfertafel ist Neptun, nach einer andern Gemme aus Lipperts Daktyliothek, noch einmal abgebildet, wie er mit dem ganzen Gewicht seiner Macht, den Dreizack auf der Schulter, die Hand auf den Rücken haltend, aus dem Meere auf einen Felsen steigt.
Die Dichtkunst sowohl als die bildende Kunst stellt zwar den König der Gewässer in ähnlicher Majestät wie den Jupiter dar, nur bleibt der Ausdruck von Macht und Hoheit immer untergeordnet.
Es ist nicht die ruhige, erhabene, mit dem Wink der Augenbraunen gebietende Macht, mit deren Lächeln sich der ganze Himmel aufheitert und welche nur selten zürnen darf, weil sie am wenigsten beschränkt ist. Vielmehr ist beim Neptun der Ausdruck des Zorns der herrschende. Er schilt die Winde, die auf die Veranlassung der Juno ohne seinen Wink die Wellen des Meeres auftürmten; und sein ›Quos ego!‹, womit er sie bedrohet, ist dasjenige, dessen Ausdruck die bildende Kunst, auch in neuern Zeiten, am öftersten versucht hat.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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