Thracien - Wohnplatz
Thracien / Thrakien - Wohnstätte der Götter
Thracien: Thrakien (Thrake, lat. Thracia), in den ältesten Zeiten Bezeichnung der nördlich von Griechenland sich ausdehnenden Landstriche, dann das Land östlich und nördlich von Makedonien; zur Zeit der Römerherrschaft das im W. vom Gebirge Rhodope, im N. vom Hämos, im O. vom Pontos Euxeinos und dem Thrakischen Bosporus und im S. von der Propontis, dem Hellespont und dem Ägeischen Meer begrenzte Land. Hauptgebirge desselben ist der Hämos im N., an den sich im SW. der Skomios anschließt.
Die bedeutendsten Flüsse sind die an der Südküste mündenden: Nestos und Hebros (jetzt Maritza) mit dem Ergines (jetzt Ergene) und dem Artiskos (Arda). Von Meerbusen ist nur der Melasbusen zwischen Thracien und der Thrakischen Chersones erwähnt. Das Land lieferte Getreide in Menge und selbst Wein.
Auch an edlen Metallen war es reich, und bei Philippi wurden Goldminen bearbeitet. Die unter dem allgemeinen Namen Thraker (Thrakes) begriffenen Einwohner arischen Stammes standen frühzeitig auf einer ziemlich hohen Stufe der Kultur, sanken aber später in derselben und zerfielen in eine Menge Völkerschaften, z. B. die Odrysen am Hebros, die Besser längs der Rhodope und die Kikonen und Bistonen am Ägeischen Meer. Die Sitten und Gebräuche der Thraker hatten viel Übereinstimmendes mit denen der germanischen Völker. Jagd und Krieg bildeten die Hauptbeschäftigung der Männer.
Eine den Thrakern eigentümliche Sitte war das Tättowieren. Manche Stämme hatten Könige, denen ein Rat zur Seite stand. Die Religion war die polytheistische der Griechen. Menschenopfer wurden nur bei Nationalfeiern dargebracht. Die wichtigern Städte, fast durchweg griechische Siedelungen, waren, zwischen Nestos und Hebros an der Küste: Abdera, Maroneia, Änos; auf der Thrakischen Chersones: Sestos, Kallipolis, Lysimachia; an der Propontis: Perinthos, Selymbria; am Thrakischen Bosporus: Byzantion; am Pontos: Apollonia, Mesembria; im Innern: Philippopolis, Hadrianopolis.
Dareios Hystaspis hatte auf seinem Feldzug gegen die Skythen 515 v. Chr. die um den Pontos Euxeinos wohnenden thrakischen Stämme unterjocht; doch hörte die persische Herrschaft wieder ganz auf, als der Zug des Königs Xerxes gegen Griechenland 480 unglücklich ablief. Nach den Perserkriegen bemächtigten sich die Griechen der thrakischen Küsten, und namentlich war es Athen, welches mehrere Seestädte und die Striche in Thracien mit den Goldbergwerken an sich riß.
Im Innern gelangten besonders die Odrysen zur Herrschaft, namentlich unter ihren Fürsten Teres und Sitalkes, der sein Reich bis zum Istros, Nestos und Pontos Euxeinos ausdehnte. Mit den Athenern befreundet, unternahm er auf ihre Veranlassung gegen Perdikkas von Makedonien 430 einen Feldzug, blieb aber 425 gegen die Triballer. Sein Nachfolger Seuthes I. unterwarf sich mehrere Nachbarvölker. Seuthes I. (400) war der Schwiegersohn des Atheners Xenophon. Sein Nachfolger Kotys (380) eroberte fast ganz Thrakien, wodurch er in Zwiespalt mit Athen geriet. Sein Sohn Chersobleptes wurde von Philipp von Makedonien 343 seines Landes beraubt und Thrakien dem makedonischen Reich einverleibt.
Nach Alexanders d. Gr. Tod wurde Thrakien Lysimachos 311 zugesprochen, doch behaupteten mehrere Stämme unter Seuthes III. ihre Unabhängigkeit. Nach Lysimachos' Tod eroberten 280 keltische Völkerschaften das Land, wurden aber um 220 wieder vertrieben, worauf wieder jeder Volksstamm seinen besondern Heerführer hatte. Besonders mächtig wurden die Besser sowie die odrysischen Fürsten. M. Crassus unterwarf einen großen Teil des Landes, welcher unter dem Namen Mösia zur römischen Provinz gemacht ward. Das übrige Thrakien stand zwar in Abhängigkeit von den Römern, hatte aber eigne Könige.
Nach dem Tode des Rhömetalkes, 7 n. Chr., verteilte Kaiser Augustus dessen Reich zwischen dessen Bruder und Sohn Rheskuporis und Kotys V. Ihnen folgte durch die Gunst des Tiberius des erstern Sohn Rhömetalkes II., und Caligula überließ ihm 38 die Herrschaft über ganz Thracien Nach seinem Tod (47) wurde ganz Thrakien römische Provinz, erhielt aber erst von Vespasianus die Einrichtung einer solchen. Unter den byzantinischen Kaisern wurden viele fremde Völker nach Thrakien verpflanzt, so die Bastarner von Probus, die Goten von Valens und Theodosius. Vgl. Cary, Histoire des rois de Thrace (Par. 1825).
Meyers Konversations-Lexikon, 3. Auflage von 1878
Thracien bei Moritz
Thracien - Der Hauptsitz der Verehrung des Kriegsgottes ist Thracien, wohin die Dichtkunst überhaupt das Wilde, Grausame und Ungestüme versetzt. So warf Diomedes, ein Thracier und ein Sohn des Mars, die Fremden, deren er sich bemächtigen konnte, seinen Pferden vor, von denen sie zerfleischt und verzehrt wurden. Er übte diese Grausamkeit so lange, bis Herkules ihn erschlug.
Ein Sohn des Mars und ein Thracier war auch Tereus, welcher die Philomele ihrer Zunge beraubte, damit sie die Freveltat, die er an ihr verübte, nicht entdecken möchte.
Der stürmende Boreas hatte nach den Dichtungen der Alten seine Wohnung in Thracien, weswegen die Menschen, die jenseits wohnten, die Hyperboreer hießen; die Bacchantinnen, unter dem Namen der Bistoniden, mit Schlangenknoten in ihr Haar geschlungen, schweiften auf dem Thracischen Gebirge umher.
Demohngeachtet war Thracien auch das Vaterland des Orpheus, der durch seinen Gesang und durch die Töne seiner Leier die Wildheit der Tiere des Waldes zähmte und Bäume und Felsen sich bewegen ließ.
Durch sein mächtiges Saitenspiel ließ selbst der Orkus sich bewegen, ihm seine Gattin Eurydike zurückzugeben, nur sollte er nicht eher nach ihr sich umsehen, als bis er sie wieder auf die Oberwelt zum Anblick des Tages und des himmlischen Lichts gebracht.
Da sie nun bald der öden Schattenwelt entstiegen waren, so zog die zärtliche Besorgnis und der zweifelnde Gedanke, ob sein geliebtes Weib ihm wirklich folge, den Blick des Gatten, ihm selbst fast unbewußt, ein einziges Mal zurück, und nun war Eurydike auf immer für ihn verloren, – ihr Bild verschwand in Nacht und Dunkel, und seine ganze süße Hoffnung war ein Traum.
Die Freude seines Lebens war nun entflohen; die Leier schwieg; das wütende Geschrei der Bacchantinnen erscholl auf dem Thracischen Gebirge; sie zürnten auf den Dichter, dem nach Eurydikens Verlust das ganze weibliche Geschlecht verhaßt war; – von den schrecklich-begeisterten Mänaden zerfleischt und in Stücken gerissen, ward der Göttersohn ein Opfer ihrer rasenden Wut.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
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