Wohnstätten der Götter
Wo wohnen die Götter ?
Die heiligen Wohnplätze der Götter unter den Menschen
Die Phantasie der Alten ließ ihre Dichtungen, über der Wirklichkeit schwebend, allmählich sich vom Himmel zur Erde niedersenken. Sie heiligte die Plätze, wo nach der Sage der Vorwelt die junge Gottheit neugeboren zuerst in jugendlichem Glanz hervortrat oder wo ein Land oder eine Insel so glücklich war, in ihrem Schoße ein Götterkind zu pflegen.
Sie weihte auch die Örter, wo in Orakelsprüchen die Gottheit ihre nahe Gegenwart offenbarte; und jeder Platz, den irgendeine Gottheit nach der alten Sage zu ihrem Lieblingsaufenthalte sich wählte, ward in der Dichtersprache zu einem schönen Namen, an welchen sich der Begriff der Gottheit selber knüpfte, die unter irgendeiner besondern bedeutenden Gestalt auf diesem Fleck verehrt ward.
Nun fand die Einbildungskraft so viele Ruhepunkte, worauf sie sich heften konnte, als Tempel waren, welche die Menschen den über den Wolken thronenden Göttern weihten, die oft zu ihnen herniederstiegen und in ihre geringsten Angelegenheiten sich mit zärtlicher Sorgfalt mischten.
Aus Karl Philipp Moritz - Götterlehre
Die Götter
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